Abzug mit Stil

 berbel im Focus Magazin Nr. 49 (2021)
Abzug mit Stil

Für schöne Küchen geben die Deutschen immer mehr Geld aus. Der westfälische Mittelständler berbel hat nun auch die Dunstabzugshaube zu einem Designobjekt mit Mehrwert gemacht

Es gibt diese Elektrogeräte im Haushalt, über deren Funktionsweise und Optik man nicht allzu viel nachdenkt. Ein Staubsauger soll halt saugen, ein Toaster toasten und eine Dunstabzugshaube? Genau. Hobbyköche haben sich daran gewöhnt, dass die Abluftsysteme in jede Küche gehören, eine Menge Platz wegnehmen, ihre Arbeit unter viel Getöse erledigen – und im Laufe der Jahre immer ineffektiver werden, weil ja doch niemand regelmäßig den Fettfilter (schon das Wort!) reinigt. Und zudem sehen Dunstabzugshauben üblicherweise nicht sonderlich attraktiv aus. Man muss – zugegebenermaßen – schon ein ziemlicher Nerd sein, um sich ausgerechnet diesem Thema zu widmen. Im Fall der westfälischen Firma Berbel waren es vor rund 20 Jahren die beiden Ingenieure Udo Berling und Matthias Weibel, die der festen Überzeugung waren, dass in Sachen Dunstabzug sowohl technisch als auch optisch Luft nach oben ist. Berbel – der Firmenname setzt sich zusammen aus den Namensbestandteilen der beiden Gründer – begann ganz klassisch mit der Methode „Trial and Error“ in einer Garage. Damals war das Wort Startup für Unternehmungen wie diese noch nicht erfunden. „Unsere Gründer waren als Ingenieure genial“, sagt der heutige Geschäftsführer Karl von Bodelschwingh, „nur nicht so glückliche Kaufleute.“  So kam es, dass Berbel heute einem Schweizer Familienunternehmen gehört, aber noch immer im westfälischen Rheine die Grundidee verfolgt, einen alltäglichen Gegenstand genialer und schöner zu machen. 260 Mitarbeiter fertigen in der Firmenzentrale am Stadtrand größtenteils in Handarbeit den, sagen wir mal, Mercedes unter den Dunstabzugshauben. Die Nachfrage wächst. „Unser Produkt ist ja vordergründig nicht so superspannend. Aber wenn man es richtig gut macht, dann wird es etwas Besonderes“, sagt von Bodelschwingh. Für dieses Besondere im Design hat seine Firma schon etliche Preise gewonnen.


Kreativität aus der Kleinstadt

Wie so oft im deutschen Mittelstand entsteht Exzellenz made in Germany auch bei berbel in der Provinz. Gleich neben der Fertigungshalle gackert eine Truppe Freilandhühner. Innendrin sieht es allerdings auch eher nach Manufaktur aus als nach Industrie. Im Hallenradio läuft gerade Bon Jovi, der Musiksender wird jeden Tag gewechselt, damit jeder Mitarbeiter auf seine Kosten kommt. Außer freitags, da läutet der Partysound von „Radio Bollerwagen“ das Wochenende ein. „Wir sind eine große Familie“, sagt Geschäftsführer von Bodelschwingh. Nachhaltigkeit und soziales Engagement sind für ihn wichtige Themen. Jede Haube lässt sich reparieren, das garantiert eine lange Lebensdauer. Und schon seit Jahren arbeitet Berbel eng mit den Freckenhorster Werkstätten zusammen, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Die Firma hat die Fertigung in den letzten Jahren zwar optimiert, setzt aber weiterhin auf den Faktor Mensch: Geschulte Facharbeiter schneiden, polieren und schrauben an den Produkten namens „Skyline Frame“, „Moveline“ oder dem Bestseller „Ergoline“. „Wir sind eher ein sehr großer Handwerksbetrieb“, sagt Daniel Bischoff, der die berbel Akademie leitet. In seiner Schulungseinrichtung lernen Küchenhändler und Mitarbeiter aus Küchenstudios, wie das Ganze funktioniert und welches System sich für welche Küche eignet: Insel- oder Wandabzug? Oder doch die Kopf-frei-Variante, die mit ihrem schrägen Design vor allem große Köche davor bewahrt, sich am Abzug ständig den Kopf zu stoßen? Oder – ganz dezent – ein Kochfeld mit integriertem Dunstabzug namens „Downline“? 680 Einzelteile stecken zum Beispiel in der „Skyline“ mit Liftfunktion, einen Tag lang werkeln verschiedene Mitarbeiter an ihr herum, bis die Qualitätskontrolle die fertige Haube freigibt und sie in einem Karton Richtung Kunde verschwindet.

Und die Technik?
berbel-Chef von Bodelschwingh ist gelernter Wirtschaftsingenieur, Studium an der TU Berlin, und er kann begeistert über das Innenleben seiner Produkte erzählen. Über Zentrifugalkräfte, intuitiv bedienbare Knebelknöpfe, Umluft, Abluft, Volumenstrom und die Physik des Alltags. Smarthome-tauglich sind seine Hauben natürlich auch. Das Filtern der Küchengerüche funktioniert bei berbel nach dem Prinzip Fliehkräfte: Die Abluft wird mit so großer Geschwindigkeit um diverse Ecken geleitet, dass das Öl buchstäblich aus der Kurve fliegt und dann und wann einfach abgewischt werden muss.
Die Details dürften allerdings nur Tech-Freaks interessieren. Am Ende muss die Dunstabzugshaube in das Ambiente passen, das Kunden heute von einer Küche erwarten. Früher versteckte man Herd und Arbeitsflächen in kleinen Räumen jenseits von Ess- und Wohnzimmer, die Verbindung zwischen diesen beiden Lebenswelten war die sogenannte Durchreiche: ein kleines Türchen, durch das die Hausfrau (Geschlechterrollen standen damals noch nicht infrage) den Braten und die Kartoffeln nach draußen bugsierte. Heute ist die Küche Familientreff, Kommunikationszentrale und Mittelpunkt des Wohnraums, mit einer Kochinsel im Zentrum, an der sich die Gäste mit ihrem Aperitif auf Barhockern niederlassen und den Gastgebern noch eben beim Gemüseschneiden helfen. Hier wird gefrühstückt, gestritten, die Mathehausaufgabe erledigt und das letzte Glas Wein des Abends getrunken. Corona hat den Trend zur Wohnküche noch verstärkt. „Hoffice“ nennt die Branche die Verschmelzung von Zuhause und Büro. „Da will keiner noch Tage später den Geruch der Frikadellen von vorgestern in der Nase haben“, sagt von Bodelschwingh.


Die Küche ist unser neues Wohnzimmer

berbel hat, wie viele Interieurfirmen, von den gesellschaftlichen Veränderungen durch die Pandemie profitiert – vor einem Jahr fertigten die Arbeiter in Rheine noch 240 Geräte pro Tag, heute sind es 300. Die Nachfrage ist groß, trotz Preisen ab etwa 2000 Euro aufwärts. „Wer so viel Geld ausgibt, erwartet zu Recht Perfektion“, sagt der berbel-Chef. 97 Prozent aller Geruchsmoleküle sammeln seine Produkte ein.

Ein wichtiges Thema dieser Entwicklung ist auch der Sound, den ein Küchengerät macht. Psychoakustik heißt der Fachbegriff dazu: Welche Töne in unserer Umwelt empfinden wir als angenehm? Welche stören uns so sehr, dass wir ein Gerät gar nicht mehr benutzen? Die meisten Dunstabzugshauben funktionieren deswegen nicht, weil wir die Geräuschkulisse so nervig finden, dass wir sie gar nicht erst anschalten.  Kurioserweise dürfen sie aber auch nicht zu leise sein, wie Untersuchungen ergeben haben. Der Dunstabzug ist im besten Fall also ein Licht- und Soundobjekt mit Wohlfühlfaktor. Und wer mal keine Lust zum Kochen hat, nutzt dieses Objekt einfach als coole Lampe.